Kritik an Sartre: Der Intellektuelle nach Foucault1

Der französische Philosoph Michel Foucault entwirft ein von Sartre stark abweichendes Modell des Intellektuellen. Die Konzeption des marxistischen und universellen Intellektuellen nach Sartre nennt er veraltet:

Nun, schon seit einigen Jahren wird von dem Intellektuellen nicht mehr verlangt, diese Rolle zu spielen. Eine neue Art ‚Verbindung zwischen Theorie und Praxis‘ hat sich etabliert.2

Gemäß Foucault ist also nun eine andere, moderne Auffassung des Intellektuellen relevant. Er arbeitet nicht mehr in allgemeingültigen, universellen Bereichen, sondern in einem spezifischen Gebiet, mit dem er aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit konfrontiert wird. Die Probleme, mit denen sie umgehen müssen, sind somit zwangsläufig nicht mehr universaler, sondern spezifischer Natur. Foucault unterscheidet also den „universalen“ vom „spezifischen Intellektuellen“3.

Der universale Intellektuelle war „das Gewissen aller“4. Er repräsentierte die Interessen der Gesellschaft und war Sprecher für alle Menschen. Am Besten konnte dies durch den Schriftsteller geschehen, da er frei war und universale Werte beschrieb, die für jeden Menschen wichtig waren. Er konnte sich somit von denjenigen absetzen, die dem Staat dienten.

Der spezifische Intellektuelle hingegen ist nicht Sprecher aller, sondern Sprecher für spezifische Probleme, da er ebenso wie die modernen Gesellschaft, in der er lebt, aufgrund der Komplexität des Wissens und des Sozialen nicht mehr glaubt, universell das „Gewissen aller“ sein zu können. Als „Scharnier“5 zwischen diesen beiden Konzeptionen des Intellektuellen nennt Foucault Oppenheimer, der mit der Herstellung von Nuklearwaffen eine wichtige Rolle im zweiten Weltkrieg spielte. Er konnte seine spezifische Stellung als Physiker und Wissenschaftler zu diesem Zweck ausnutzen. Er verkörperte also als erster die von Foucault dargestellte „Professionalisierung des Intellektuellen“6. Gleichzeitig war sein Diskurs aber auch universeller Natur, da die Bedrohung der Waffen die ganze Welt betraf.

Der spezifische Intellektuelle konzentriert sich nun zunehmend auf das politische Feld und ist deswegen nicht mehr Schriftsteller. Seine Aufgabe besteht nicht mehr darin, allgemeine Werte zu verdeutlichen, die für alle gelten und dies auch in das Bewusstsein der Menschen zu bringen, sondern Macht zu übernehmen. „Explizit verknüpft Foucault damit das Mandat des ‚spezifischen Intellektuellen‘ mit einer Redefinition des Machtbegriffs“7. Der Intellektuelle soll nach Foucault nicht mehr nur „ideologische Inhalte“8 der Wissenschaft kritisieren. „Man muss die politischen Probleme der Intellektuellen nicht in einer Terminologie von ‚Wissenschaft/Ideologie‘, sondern in einer Terminologie von ‚Wahrheit/Macht denken‘“9. Dieses Begriffspaar ist wichtig, da die Wahrheit nicht ohne ein Machtsystem existieren kann, denn nur in ihm gibt es „Mechanismen“, die uns zeigen, was wahr und was falsch ist. Und eben diese Mechanismen und Anleitungen (und damit auch das Machtsystem) zur Wahrheit gilt es zu kritisieren und zu verändern, nicht das Denken der Menschen.

Foucaults Konzeption des Intellektuellen ist also eine andere als Sartres, für die Sartre in Folge der 68er Bewegung kritisiert wurde.10 Während der allgemeine Intellektuelle noch die Aufgabe hatte, für andere zu sprechen, soll der spezifische Intellektuelle Foucaults andere „zum Sprechen bringen“11.

Engagement oder Autonomie...?

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1 Foucault, Michel: Die politische Funktion des Intellektuellen. In: Ders.: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. III: 1976-1979. Hg. v. Daniel Defert/ François Ewald. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003, S. 145-152 und 205-213.

2 Ebd. S. 145.

3 Ebd. S. 146.

4 Ebd. S. 145.

5 Ebd. S. 147.

6 Ebd. S. 151.

7 Gilcher-Holtey 2007, S. 363.

8 Foucault 2003, S. 151.

9 Ebd. S. 212.

10 Vgl.: Gilcher-Holtey 2007, S. 376 f.

11 Ebd. S. 391.