Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" als Bauanleitung zum richtigen Handeln?

Sartre und Brecht vereinnahmen beide die Kunst für konkrete gesellschaftliche Zwecke und sprechen sich gegen eine autonome Kunst aus. Sie wollen gesellschaftlich relevante Stoffe mit den ästhetischen Mitteln der Literatur und des Theaters an die Rezipienten vermitteln, um in ihnen eine Bewusstseinsveränderung herbeizuführen. Beide verwehren sich aber gegen eine bloße Tendenzdichtung, die sich in den Dienst einer bestimmten Ideologie stellt, vielmehr wollen sie das Individuum und die Gesellschaft befreien. Anders als Sartre intendiert Brecht mit seinem Theatermodell dabei explizit den Übergang von Erkenntnis in revolutionäre Handlung, was bei Sartre nur theoretisch entwickelt wird.

Brechts theatertheoretische Ausführungen, die sich in seinem Text „Kleines Organon für das Theater“ finden, sollen nun am Drama Die heilige Johanna der Schlachthöfe nachvollzogen werden. Hierbei ist die Frage leitend, ob das Stück, geschrieben als Reaktion auf die Ereignisse der Weltwirtschaftskrise 1929, als ‚Bauanleitung‘ zum eingreifenden Handeln verstanden werden kann. Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, ob damit das Drama Die heilige Johanna der Schlachthöfe als ein Stück engagierter oder autonomer Kunst einzuordnen ist.

In dem Drama scheitert Johanna am Ende, ihre Ideale als Handlungsmotive zur Revolution entpuppen sich als unwirksam, verschlimmern die Situation nur. Ihr Engagement scheitert, weil sie die Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaft nicht durchschaut und erst am Ende ihren (naiven) Glauben an die Menschlichkeit fallen lässt, also ihre Ideologie aufgibt. Im Sterben sieht sie ihre Fehler selbst ein und bereut, nicht alles für die Revolution getan zu haben:

Sorgt doch, daß ihr die Welt verlassend
Nicht nur gut wart, sondern verlaßt
Eine gute Welt!1

Ein guter Mensch zu sein und sich individuell in die Welt einzuschreiben reicht nicht aus, ihre unreflektierte Güte hat nur dazu geführt, ihren Kontrahenten, den reichen Unternehmer Mauler, zu stützen und die Unterdrückung aufrecht zu erhalten. Das Stück lässt sich als Negativbeispiel verstehen: Johanna scheitert und stirbt, ihr Bemühen bleibt erfolglos, zu spät erst kommt sie zur Erkenntnis.

Brecht zeigt eine Thematik von sozialem Gehalt und richtet sich damit an ein Publikum, das er als gesellschaftlich verantwortliches begreift. Auf bestimmte Weise vermittelt, soll das Bühnengeschehen zu einer Bewusstseinsveränderung der Zuschauer führen, die parallel zu der Johannas verläuft und sich in eine Handlungsmotivation übersetzen, die Johanna für die Zuschauer formuliert: Welt und Gesellschaft zu verbessern, damit der Mensch die Möglichkeit hat, gut zu sein. Brecht zeigt in seinem Stück zudem, dass man sich auf die Komplexität der Welt mit einem adäquaten Denken einlassen muss, um überhaupt seine Handlungsfolge richtig abschätzen zu können. Ideologie hilft dagegen nicht, denn sie vereinfacht zu stark. Am Scheitern aller Figuren mitsamt ihrer spezifischen Denkweisen dekonstruiert Brecht eine schematisch vereinfachte Weltsicht, wie sie sich im starren Ideologieglauben äußert. Er gibt als logische Konsequenz aus dieser Weltsicht aber keine konkrete Handlungsanweisung, die sich als Tendenzliteratur wieder nur in ihrer Ideologie erschöpfen würde.

Das Fehlen einer konkreten Handlungsanweisung lässt fragen, ob Die Johanna der Schlachthöfe als ein Stück engagierter oder autonomer Kunst einzuordnen ist. Eindeutig ist es als engagiertes Stück konzipiert, Brecht bringt ein politisches Thema auf die Bühne, um die Zuschauer zu belehren. Ist das Stück dann aber gar als Tendenzdichtung zu verstehen, weil in ihm bestimmte Ideologien kommuniziert werden?

Bei näherer Betrachtung trägt Die heilige Johanna der Schlachthöfe aber durchaus Züge eines autonomen Kunstwerks, da sich ihr Engagement nicht in der Übermittlung bestimmter Denkweisen an das Publikum erschöpft. Das Stück offenbart dem Zuschauer keine Lösung (des Konflikts), gibt also keine praktische Anleitung zum richtigen Handeln, sondern legt nur falsches (ideologisch motiviertes) Handeln offen. Letzte Reflexionsinstanz bleibt der Zuschauer. Die Wirklichkeit wird in ihrer Widersprüchlichkeit und Undurchdringlichkeit für den Einzelnen gezeigt. Keine der Figuren auf der Bühne vermag sie zu verstehen und kann die Marktmechanismen lenken, sich also eingreifend in die Wirklichkeit einschreiben. Alle Protagonisten sind von äußeren Umständen gelenkt, oder zumindest in ihrem Handeln eingeschränkt. Zwar werden verschiedene Ideologien gezeigt, aber gerade in dieser Polyphonie liegt begründet, warum Brecht vom Vorwurf der reinen Tendenz freizusprechen ist. Nicht nur Johanna scheitert an ihrem starren Ideologieglauben, auch der Unternehmer Mauler ist am Ende ruiniert, sein Glaube an den Markt und dessen Kontrollierbarkeit erweisen sich als falsch. Er verliert sein Vermögen. Es gibt keine klare Tendenz, Brecht präsentiert keine spezifische Weltanschauung, sondern zeigt eine Welt in ihrer Komplexität und Unverständlichkeit. Die Lehre muss der einzelne Zuschauer für sich selbst ziehen, nachdem er mit dem Scheitern der Protagonisten konfrontiert wurde.

Eine Kategorisierung als engagierte oder autonome Kunst kann demnach nicht eindeutig und letztgültig entschieden werden, da diese Kategorisierung vor allem dann schwierig zu werden scheint, wenn es um die Frage nach der eingreifenden Wirkung auf den Rezipienten geht: Sie lässt sich kaum feststellen, weil sie meist auf einer Änderung des Bewusstseins zielt und nicht automatisch in Handlung umschlägt.

Die Gruppe 47 als eingreifende Denker...?

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1 Brecht, Bertolt: Die heilige Johanna der Schlachthöfe . In: Ders.: Bertolt Brecht: Werke. Frankfurt am Main 1988. Bd.3: Bertolt Brecht: Stücke 3, S.230.