Versuch einer Definition

Der Terminus „eingreifendes Denken“ wurde von Berthold Brecht geprägt.1 Doch bevor näher auf Brechts Begriff eingegangen werden soll, scheint es zunächst einmal geboten, das intuitiv erfahrbar Widersprüchliche in der Kombination von „Eingreifen“ und „Denken“ ganz allgemein aufzuzeigen. Was ist das Paradox am eingreifenden Denken?

Zuerst soll der Begriff „Denken“ erörtert werden, wobei zu betonen ist, dass Denken als ein Grundwort der philosophischen Sprache2 an dieser Stelle nicht umfassend erörtert, sondern lediglich eingegrenzt werden kann. Denken lässt sich demnach als kontemplative Verbindung zu einem Objekt, einer Situation oder zur ganzen Welt umschreiben. Mit dem „Denken“ geht eine Distanzierung von Subjekt und Objekt einher; eine Distanzhaltung zu den Dingen, die Denken erst ermöglicht.3

„Eingreifen“ hingegen meint eine Handlung. Hierbei geht es um das Einschreiten des Subjekts in Bezug auf das Objekt, ein Ereignis oder den Zustand der Welt; es handelt sich um ein Eingreifen des Subjekts für oder gegen eine bestimmte Veränderung.4 Hinter der Problematisierung, ob eingreifendes Denken ein Paradox darstellt, verbirgt sich die Frage, ob, sobald sich das Subjekt für das Objekt engagiert, die Distanz zwischen beiden nicht automatisch geschmälert wird und somit der Abstand zu den Dingen, den kritisches Denken erfordert, verloren geht.

Mittels der Verbindung von Eingreifen und Denken wird demnach eine Synthese von Kontemplation und Erkenntnis auf der einen sowie Anwendung und Wirkung auf der anderen Seite versucht.5 In Bezug auf Brecht beschreibt Marc Silberman diese Verbindung in seiner Interpretation von Brechts politischem Theater als

das Ergebnis besonderer ästhetischer Formen, die den Adressaten (den Leser, das Publikum, den Schauspieler) durch einen analytisch-distanzierenden Prozess in Bewegung versetzen.6


Laut Silberman ist „eingreifendes Denken“ die zentrale Kategorie für Brecht, nach der man die Welt verändern müsse.7 Im folgenden Abschnitt soll daher erläutert werden, wie sich Brecht selbst zu dieser Thematik äußerte:

Erkannt zu haben, daß das Denken was nützen müsse, ist die erste Stufe der Erkenntnis. Die Mehrheit derer, die diese Stufe erreicht haben, gibt angesichts der Unmöglichkeit, eingreifend zu denken, das Denken (das nur spielerische Denken) auf.8

Brecht schreibt von der „Unmöglichkeit, eingreifend zu denken“. Man wird seiner Intention aber nicht gerecht, wenn man seine Worte einseitig in diese Richtung interpretieren würde. Der Autor möchte damit nur aufzeigen, dass zu viele auf dieser Stufe kapitulieren. So beschreibt Brecht „die tiefe, vom Denken nicht berührte Unzufriedenheit mit dem durch Denken nicht veränderbaren Wirtschaftlichen.“9 Mit diesen Ausführungen wird die Frage berührt, ob man überhaupt eingreifend denken kann. Zumindest hebt Brecht hervor, „daß die Abhängigkeit vom Wirtschaftlichen […] keineswegs imstand ist, jene gedanklichen Systeme, deren Größe wir nicht leugnen, zu verhindern.“10 Entsprechend hat die Eingebundenheit in gesellschaftliche oder wirtschaftliche Gefüge bzw. die Abhängigkeit von diesen nicht dazu geführt, dem Denken grundsätzlich die Freiheit zu entziehen oder es ad absurdum zu führen. Allerdings könne laut Brecht Denken als gesellschaftliches Verhalten nur aussichtsreich sein, wenn es fähig ist, die Umwelt zu beeinflussen. Der Einzelne könne höchstens sich selbst ändern.11 Dennoch liest man zwischen den Zeilen immer wieder den „Appell“, vom Denken mehr zu fordern, einen Anspruch an es zu stellen. Denn Denken könne nicht eingreifend wirken, wenn man dem Denken das Eingreifen überhaupt nicht zumute.12 Als grundlegendes Instrument für eine eingreifende Tätigkeit klassifiziert Brecht die Dialektik. Sie sei eine „Betrachtungsweise der Welt, die durch Aufzeichnung ihrer umwälzenden Widersprüche das Eingreifen ermöglicht.“13 Das Aufzeigen von Widersprüchen soll den Menschen verdeutlichen, dass das Schicksal nicht als etwas Unabwendbares zu begreifen ist, das dem menschlichen Eingriff entzogen ist, sondern, dass die Menschen sich ihr Schicksal gegenseitig selbst bereiten.14 Im Sinne Brechts lässt sich in Bezug auf das „Paradox“ des eingreifenden Denkens konkludieren: Eine kritische Haltung ist Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Handlung und Veränderung.15 Durch den von ihm für das Theater entwickelten Verfremdungseffekt16 wollte er Mut zum Eingriff und zur Veränderung machen.17

Mit der Thematik des eingreifenden Denkens beschäftigte sich auch Ingrid Gilcher-Holtey, Professorin für Zeitgeschichte in Bielefeld. Ihr Werk „Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen“ rekurriert explizit auf die Brechtsche Kategorie. Gilcher-Holtey hat diesen Begriff folgendermaßen zu konkretisieren versucht:

Eingreifendes Denken meint demnach „die Veränderung von Einstellungen, Verhaltensdispositionen und politischem Handeln durch die Veränderung von Deutungs-, Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata der sozialen Welt.“18

Gilcher-Holtey untersucht – angelehnt an Kategorien und Hypothesen von Max Weber und Pierre Bourdieu – „die Sozialrelevanz von Ideen und die Wirkungschance von Intellektuellen in Ereignis- und Handlungskonstellationen“.19 Augenfällig ist, dass Gilcher-Holtey in einem Atemzug das Paradigma des eingreifenden Denkens und den Intellektuellen als seinen Akteur nennt. Dies wirft die Frage auf, warum gerade Intellektuelle für eingreifendes Denken prädestiniert sein sollten. Dass Gilcher-Holtey das eingreifende Denken den Intellektuellen zuschreibt, ist der Prämisse geschuldet, dass die Tätigkeit der Intellektuellen eben das „eingreifende Denken“ ist: Sie versuchen, einen größeren Blickwinkel als nur den eigenen einzunehmen und ihr aufklärerisches Denken für die Gesellschaft fruchtbar zu machen, sich also einzumischen.

Als eine pragmatische Arbeitsdefinition des eingreifenden Denkens ließe sich sagen: Eingreifendes Denken bedeutet kritisches Denken, das die Gesellschaft verändern will. Doch auch an diese Begriffsbestimmung ließe sich gleich wieder eine Frage anschließen: Existiert eine direkte Verbindungslinie zwischen (Gesellschafts-) Kritik und Eingreifen?

Um resümierend das Paradigma des eingreifenden Denkens in den Fokus zu nehmen, sollen drei mögliche Arten des „Eingreifens“ hervorgehoben und differenziert werden. Es gab und gibt Intellektuelle, die sich immer wieder direkt für eine Sache einsetzen, was beispielsweise auf einzelne Mitglieder der Gruppe 47 zutrifft. So engagierten sich etwa Günter Grass und Martin Walser politisch und setzten ihr im literarischen Feld gewonnenes Renommee zur Unterstützung der Kanzlerkandidatur von Willy Brandt ein.

Ausschließlich auf die Ebene des literarischen Schaffens bezogen, lassen sich zwei weitere Arten bzw. Pole herauskristallisieren: die engagierte und die autonome Literatur. Bei Werken, die der engagierten Literatur zuzuschreiben sind, also Texten, die in erster Linie politische und gesellschaftliche Veränderungen propagieren20, kann man oft den expliziten Versuch erkennen, einzugreifen. Nun bleibt noch die Kategorie der Texte, die nicht (offensichtlich) an einen spezifischen Zweck gebunden sind. Diese Texte können jedoch im Sinne des Kunstwerkbegriffs von Adorno auf eine subtile Art und Weise wirken, indem sie durch ihre literarische Qualität zum Nachdenken anregen und so Denkrichtungen sowie Blickweisen entautomatisieren.

Zu Brechts Programmatik des eingreifenden Denkens...

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1 Vgl. Brecht, Bertolt: Notizen zur Philosophie 1929-1941, in: Suhrkamp Verlag/ Hauptmann, Elisabeth (Hrsg.), Bertolt Brecht, Gesammelte Werke. Schriften zur Politik und Gesellschaft. Band 20, Frankfurt am Main 1967, S. 158.

2 Vgl. Foppa, K.: Denken, in: Ritter, Joachim (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2: D-F, Basel 1972, S. 61.

3 Vgl. Silberman, Marc: Die Tradition des politischen Theaters in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24/2006, S. 15.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. ebd.

8 Brecht 1967, S. 165.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Vgl. ebd. S. 168 und S. 170.

12 Vgl. ebd. S. 175.

13 Ebd. S. 170 f.

14 Vgl. Stephan, Inge: Die deutsche Literatur des Exils. Die besondere Rolle Bertolt Brechts, in: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2008, S. 476.

15 Vgl. ebd., S. 475.

16 Für tiefer gehende Einblicke in das Brechtsche Mittel der Verfremdung sei an dieser Stelle auf sein “Kleines Organon für das Theater” verwiesen.

17 Vgl. Stephan 2008, S. 476.

18 Gilcher-Holtey, Ingrid: Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen, Weilerswist (Velbrück) 2007, S. 10.

19 Ebd., S. 8.

20 Vgl. Opitz, Michael: Engagierte Literatur, in: Burdorf, Dieter/ Fasbender, Christoph/ Moennighoff, Burkhard (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, 3. Aufl., Stuttgart 2007, S. 190, linke Spalte.