Engagement oder Autonomie – Begriffsbestimmungen

Engagement oder Autonomie – diese Abgrenzung findet sich häufig, wenn der Rahmen von Literatur und ihre Aufgaben abgesteckt werden sollen. Im literarischen Diskurs bietet diese Kategorisierung immer wieder Zündstoff für angeregte Debatten. Antagonistisch stehen sich die Begriffe gegenüber, und damit die gegensätzlichen Meinungen über Kunst: Engagierte oder autonome Literatur, Tendenzdichtung oder l’art pour l’art, entweder Parteilichkeit oder reine Kunst. Wo hat sich der Künstler niederzulassen: in der Tagespolitik, im Elfenbeinturm? Bevor theoretische Text zu dieser Frage analysiert werden, sollten zunächst die Begrifflichkeiten erläutert werden: Was bezeichnen sie genau und wo liegen ihre jeweiligen Grenzen? Kann ein autonomes Kunstwerk zugleich engagiert sein?

Autonomie meint im Bereich der Kunst grundlegend die Unabhängigkeit und Freiheit von außerkünstlerischen Zweckbestimmungen, sowohl in ihrer Produktion als auch im daraus entstehenden Werk.1

Grundlage für diese Kunstauffassung war eine Veränderung des Blickwinkels auf Literatur Mitte des 18. Jahrhunderts, durch die Prinzipien wie Originalität und Genie als bestimmende Kategorien in den literarischen Diskurs Eingang fanden und zum ausschlaggebenden Faktor in deren Produktion avancierten.2 Die Forderung, Kunst vom reinen Nützlichkeitsdenken des Bürgertums frei zu machen (l’art pour l’art), orientiert sich an Kants Begriffsbestimmung des Schönen als interessenlosen Wohlgefallen.3 Die Autonomie sah er als Instrument, um das sittliche Bewusstsein zu analysieren, also um Kategorien wie die freie Willensbestimmung zu untersuchen.4 Im Rekurs auf Kant vereinnahmte Schiller das Konzept für sein Programm zur ästhetischen Erziehung, in der sich am Werk die große Idee zur Selbstbestimmung für den Rezipienten offenbaren sollte.5

Den Gegenbegriff der engagierten Literatur prägte Sartre. Allgemein bezieht sich der Begriff auf literarische Texte von politischem oder sozialem Gehalt, die explizit gesellschaftliche Veränderungen als Ziel und Wirkung anvisieren, und meint also eine Literatur, die in erster Linie für politische Veränderung eintritt.6 Der Schriftsteller wird als intellektuelle Instanz verstanden, die sich zu einer Stellungnahme zu zeitgenössischen, politischen, ideologischen, gesellschaftlichen, moralischen oder religiösen Fragen und seiner Parteinahme im Meinungsstreit verpflichten muss.7 Diese Form richtet sich explizit gegen eine Literatur, die um ihrer selbst willen besteht, muss also als direktes Gegenprogramm zu Ästhetizismus und Autonomie verstanden werden, die in erster Linie ästhetische Werte und Probleme oder stilistische Experimente8 abzielen.

Für die engagierte Literatur ist es aber essentiell, dass sie die außerliterarischen Themen im Gegensatz zur bloßen Tendenzdichtung mit den Mitteln der Literatur vorträgt und verficht9. Das ästhetische Moment und die künstlerische Gestaltung sind also nicht vollständig ausgeklammert, sondern spielen eine entscheidende Rolle. [D]ie Unterordnung der künstlerischen Darstellung unter die Zwecke der Propaganda, der Belehrung oder Bekehrung10 ist für die so genannte Tendenzliteratur charakteristisch.

Der Anspruch, Literatur stehe in der Verantwortung, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht zu entziehen, begegnet etwa bei Brecht, Adorno oder Sartre. Aber wie kann sie das: Indem sie explizit die gesellschaftlichen Verhältnisse thematisiert oder gerade, indem sie sie ausklammert und sich selbst nicht von einer außerliterarischen, gesellschaftlichen Wirklichkeit vereinnahmen lässt?

Funktionen der engagierten Literatur nach Sartre...

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1 Vgl. Vollhardt, Friedrich: Autonomie. In: Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, et al. 1997, 3. Auflage, S. 173.

2 Vgl. ebd. S. 173.

3 Vgl. Lotter, Konrad: L’art pour l’art. In: Wolfhart Henckmann, Konrad Lotter (Hg.): Lexikon der Ästhetik. München 2004, 2. Auflage, S.223.

4 Vgl. Vollhardt 1997, S. 174.

5 Vgl. ebd. S.174.

6 Opitz, Michael: Engagierte Literatur. In: Dieter Burdorf et al.: Metzler Lexikon Literatur: Begriffe und Definitionen. Stuttgart 2007, 3. Auflage, S.190.

7 Vgl. Wilpert, Gero von (Hg.): Engagierte Literatur. In: Ders.: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1989, 7. Auflage, S.234.

8 Vgl. ebd. S. 234.

9 Vgl. ebd. S. 234.

10 Lotter, Konrad: Tendenz. In: Wolfhart Henckmann, Konrad Lotter (Hg.): Lexikon der Ästhetik. München 2004, 2. Auflage, S. 365.