Adornos Literaturmodell als Vernunftkritik

Adorno setzt sich in seinem Essay „Engagement“ kritisch mit den beiden Ansichten Sartres und Brechts auseinander und formuliert ein Plädoyer für eine autonome Literatur, da diese seiner Ansicht nach als einzige ein kritisches Potenzial entfalten kann. Engagierte Kunst setzt ein unabhängiges Subjekt voraus, das Inhalt und Form bewusst verknüpfen kann, um Wirkung zu entfalten. Diese Naivität sei aber in der modernen Gesellschaft, nach der Erfahrung der unmenschlichen Barbarei des Holocaust, nicht mehr aufrecht zu erhalten. Der Glaube an ein selbstbestimmtes, selbstmächtiges Subjekt ist obsolet geworden. Dies ist aber unbedingte Vorraussetzung für alle rationalistischen Weltanschauungen und Theorien. Seine literaturtheoretischen Überlegungen sind also im Lichte einer philosophischen Vernunftkritik zu sehen.

Engagierte Literatur setzt nun aber die Welt und das Subjekt als ein vernünftiges voraus, was bei der literarischen Aufarbeitung des Grauens die Gefahr birgt, dieses im Nachhinein sinnvoll erscheinen zu lassen und die Leiden der Opfer des Holocaust nachträglich als menschliche Ausnahmeschicksale zu verklären. Das Problem an einer engagierten Literatur sei, daß sie, absichtlich oder nicht, durchblicken läßt, selbst in den sogenannten extremen Situationen, und gerade in ihnen, blühe das Menschliche1. Nach Auschwitz dürfe Literatur und Sprache, so Adorno, in ihrer Beschaffenheit keine vermeintliche Sinnhaftigkeit und keine eindeutige Botschaft mehr behaupten.

Adorno verwirft die Idee einer Rationalität als Handlungsanleitung, denn reines Vernunftdenken laufe Gefahr, sich in unmenschlichem Fortschrittsglauben zu pervertieren, was die Erfahrung des Holocaust beweist. Aus diesem Denken resultiert sein Literaturverständnis. In der modernen Gesellschaft und in deren Kultursystem kann kein Werk, das rational auf gesellschaftliche Verhältnisse rekurriert, diese tatsächlich zu ändern suchen.

Nach Adorno besteht der innere Widerspruch der Kultur darin, dass sie ihr Versprechen von Humanität auf der Basis einer inhumanen, repressiven Gesellschaftsformation gibt – und schließlich selbst dementiert, wenn sie sich, als Kulturindustrie ganz den Regeln der Warenproduktion unterwirft.2

Kunst bleibt Teil des zweckbestimmten Systems, folgt dessen Regeln und manifestiert dieses durch seine Existenz, statt es zu stürzen. Es kann also das Individuum nicht befreien, sondern bindet es an diese Wirklichkeit, indem es bestimmte Handlungsweisen vorschreibt. Aus dieser Einsicht folgt sein Diktum: Darum ist es heute in Deutschland eher an der Zeit, fürs autonome Werk zu sprechen als fürs engagierte.3 Die abstrakten, avantgardistischen Werke zeigen in ihrer Konzeption die Abstraktheit der objektiven Welt, wodurch sie eine Art ästhetischen Widerstand bilden. Hierin liegt die Möglichkeit zu einer zersetzenden Kraft der Literatur. Die rücksichtslose Autonomie der Werke, die der Anpassung an den Markt und dem Verschleiß sich entzieht, wird unwillkürlich zum Angriff.4

Hier greift Adorno die Idee einer autonomen Kunst auf, wie sie seit ihren Anfängen bestand, als Gegenposition zum bürgerlichen, zweckbestimmten Denken. Nur so kann sich Literatur ihrer ökonomischen Verwertbarkeit verwehren und als Opposition bzw. als kritische Reflexion nicht Bestandteil des gegenwärtigen Systems sein.5 Autonome Kunst bietet vermittels Formsprengung und Sinnaufhebung eine Möglichkeit zur ästhetischen Subversion der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein (...). Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt[.]6

Das Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft soll unwillkürlich, sich keiner Intention bewusst und ohne direkten Bezug aus der Poesie sprechen und gerade darin seine Wirkung entfalten. Sie kann nur auf die Weise subversiv sein, indem sie sich der Sinn- und Zweckmäßigkeit der gesellschaftlichen Totalität entzieht. Dies wird deutlich, wenn er über die Werke von Kafka und Beckett spricht:

Als Demontagen des Scheins sprengen sie die Kunst von innen her, welches das proklamierte Engagement von außen, und darum nur zum Schein, unterjocht. Ihr Unausweichliches nötigt zu jener Änderung der Verhaltensweise, welche die engagierten Werke bloß verlangen.7

Demgegenüber muss engagierte Literatur immer, auch wenn sie diese zu negieren sucht, Teil der Gesellschaft sein und sie als sinnvoll konstituiert voraussetzen. Dieser Aspekt macht sie nach Adorno für ihr eigentliches Bestreben aber wirkungslos. Eindeutiges Engagement vereinfacht die Komplexität der Welt, ist also ideologiegefährdet und sucht damit das Individuum nicht zu befreien, sondern es zu unterdrücken. Die Sprache spielt bei der eingreifenden Wirkung eine bedeutende Rolle, sie zu unterlaufen ist die einzig wirksame Kritik. Adorno zufolge

vermittelt die Sprache Lyrik und Gesellschaft im Innersten. Darum zeigt Lyrik dort sich am tiefsten gesellschaftlich verbürgt, wo sie nicht der Gesellschaft nach dem Munde redet, wo sie nichts mitteilt, sondern wo das Subjekt, dem der Ausdruck glückt, zum Einstand mit der Sprache selber kommt, dem, wohin diese von sich aus möchte.8

Autonome Literatur entzieht sich einer Zweckrationalität und steht damit der Gesellschaftsordnung als eine Verweigerungshaltung kritisch gegenüber. Adorno meint mit einer autonomen Literatur also keine, die losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bestehen soll und sich in reinen Formspielereien ergeht.9 An der Zeit sind nicht die politischen Kunstwerke, aber in die autonomen ist die Politik eingewandert, und dort am weisesten, wo sie politisch tot sich stellen.10 Autonome Literatur soll eine eingreifende Wirkung haben, allerdings funktioniert das nur, indem sie sich nicht direkt auf politische und gesellschaftliche Ereignisse und Tendenzen bezieht und sich an sie bindet, sondern in Differenz und Konkurrenz zur utilitaristischen Gesellschaft steht.

Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" als Bauanleitung zum richtigen Handeln...?

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1 Adorno, Theodor W.: Engagement. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Frankfurt am Main 1974. Noten zur Literatur. Bd.11, S.424.

2 Schweppenhäuser , Gerhard: Theodor W. Adorno zur Einführung. Hamburg 2005, 4. Auflage, S. 12.

3 Adorno 1974, S.429.

4 Adorno 1974, S. 425.

5 Vgl. Fornet-Ponse, Raúl: Wahrheit und ästhetische Wahrheit: Untersuchungen zu Hans Georg Gadamer und Theodor W. Adorno. Aachen 2000, S. 17.

6 Adorno, Theodor W.: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Ders.: Noten zur Literatur I. Frankfurt am Main 1971, S. 78.

7 Adorno 1974, S. 426.

8Adorno 1971, S. 85.

9 Vgl. Wegmann 1997, S. 121.

10 Adorno 1974, S. 430.