Ein Hauptseminar und Online-Projekt zwischen den Disziplinen (Germanistik, Philosophie, Ethik der Textkulturen)

1937 schreibt Bertolt Brecht in dem Text "Die kritische Haltung": „In Wirklichkeit ist die kritische Haltung die einzig produktive, menschenwürdige. Sie bedeutet Mitarbeit, Weitergehen, Leben. Wahrer Kunstgenuss ohne kritische Haltung ist unmöglich“. Dafür prägte er in den Notizen zur Philosophie die Formulierung des eingreifenden Denkens, die eine kritische Haltung beschreibt, die für ihn die Bedingung engagierter Literatur ist. Brecht beschreibt in seinem Werk ein Konzept der engagierten Literatur, das sich mit gesellschaftspolitischen Machtverhältnissen auseinandersetzt und die Diskursgrenzen zwischen Kunst und Politik immer wieder überschreitet. Er besitzt insofern eines der zentralen Kennzeichen der Figur des Intellektuellen, wie ihn Ingrid Gilcher-Holtey in ihrer soziologischen Untersuchung mit dem gleichnamigen Titel "Eingreifendes Denken. Die Wirkungschancen von Intellektuellen" (2007) bestimmt hat. Charakteristisch für den Intellektuellen ist seine Mobilität zwischen den Diskursen – zwischen Literatur, Philosophie oder Soziologie und zwischen Politik und der Öffentlichkeit –, zu denen er sich kritisch positioniert, sie in Frage stellt und unter Umständen auch aktiv bekämpft. Die komplexe Geschichte des schillernden Begriffs des ‚Intellektuellen‘ und seine unterschiedliche ideologische Bewertung seit der sogenannten Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich, in deren Kontext er geprägt wurde, zeigt jedoch auch die systematische Schwierigkeit seiner idealtypischen Rekonstruktion auf (zur französischen Intellektuellengeschichte siehe Winock, "Das Jahrhundert der Intellektuellen"). Die Fülle der positiven wie negativen Fremd- und Selbstzuweisungen, wie sie Jutta Schlich ("Intellektuelle im 20. Jahrhundert in Deutschland", 2000) und Dietz Bering ("Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes", 1978) in ihren Studien herausgearbeitet haben, lassen zusätzlich die Probleme der Bestimmbarkeit der Rolle und Funktion des Intellektuellen in der Gesellschaft deutlich werden. Zu diesem Ergebnis kommt auch der 2009 von Thomas Jung und Stefan Müller-Doohm herausgegebene Sammelband "Fliegende Fische – Eine Soziologie des Intellektuellen in 20 Porträts". Die Herausgeber betonen die prinzipielle Unbestimmbarkeit des Intellektuellen, auf die sie in ihrer Arbeit mit der Konzentration auf die biographisch-hermeneutische Einzelanalyse antworten.

Das interdisziplinäre Hauptseminar fand unter der Leitung von Alexandra Böhm (Neuere deutsche Literaturwissenschaft) und Mark Schönleben (Philosophie, „Ethik der Textkulturen“) statt. Dieses Seminar wurde unter dem Titel "Eingreifendes Denken – Wertebildung und Kritik in Literatur und Philosophie" an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Wintersemester 2008/2009 für Studierende der Germanistik, der Philosophie und des interdisziplinären Studiengangs „Ethik der Textkulturen“ des Elitenetzwerks Bayern angeboten. Das Seminar versuchte, den skizzierten Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit dem Gegenstand des eingreifenden Denkens im 20. Jahrhundert, für das exemplarisch die Figur des Intellektuellen steht, durch die Fokussierung auf drei zentrale Aspekte zu begegnen. Über folgende Punkte wurde versucht, sich im Seminar der Bestimmung des Intellektuellen anzunähern:

(1) Erstellung eines Begriffsinventariums des Intellektuellen mittels eines systematischen und historischen Panoramas

(2) Bestimmung charakteristischer ‚Orte‘ der Äußerung des Intellektuellen in Literatur und Philosophie (Gattungen, Diskurse, öffentliche Räume)

(3) Kontextualisierung des eingreifenden Denkens und seiner Wirkmächtigkeit im spezifischen kulturellen, sozialen und politischen Zeitgeschehen

(1) Ausgehend von der Begriffsgeschichte und Theorie des Intellektuellen (Pierre Bourdieu, François Lyotard) war zunächst das Ziel, bedeutende Positionierungen von Schriftstellern (Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Martin Walser, Heiner Müller, Botho Strauß) und Philosophen (Jean Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Jürgen Habermas, François Lyotard, Michel Foucault) auf zentrale gesellschafts- und machtpolitische Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Dabei stellte sich die Frage, inwiefern ihre kritischen Stellungnahmen und auch ihre reflexiven Selbstbestimmungsversuche als Intellektuelle Einfluss nahmen auf die politische Praxis, den öffentlichen Diskurs und die Ideologiekritik ihrer Zeit.

(2) Das Seminar verfolgte – ganz im Sinne der Ziele des Studiengangs „Ethik der Textkulturen“ – eine systematische und eine historische Perspektive. Systematisch sollte in Auseinandersetzung mit verschiedenen Textsorten, die an der gesellschaftlichen Werteproduktion teilhaben und auf die Normbildung einwirken (philosophische Abhandlungen, kulturtheoretische Schriften, literarische Texte, Theaterstücke, politische Reden etc.), eine begriffliche Annäherung an das Konzept des Intellektuellen in Literatur und Philosophie herausgearbeitet werden. Mit Blick auf die Rhetorik der Wertebildung konnten wir an exemplarischen Texten rekonstruieren, in welchen Gattungen (z.B. Rede, Radio-Essay, Manifest) sich das eingreifende Denken, wie Brecht es nennt, performativ entfalten kann.

(3) Historisch sollte die differenzierte Betrachtung der Geschichte der Intellektuellen im 20. Jahrhundert anhand von Kristallisationspunkten der Wirkung des eingreifenden Denkens (Dreyfus-Affäre, NS-Zeit, Nachkriegszeit, 1968, deutsche Wiedervereinigung) eine Einsichtnahme in kulturgeschichtlich bedingte Ausformungen und Wandlungen ethisch fundierter Einsprüche, Provokationen oder anderer Formen sprachlich verfasster Kritik ermöglichen. Aus der Perspektive des Studiengangs „Ethik der Textkulturen“ konnte so zum einen darauf reflektiert werden, welche Werte in den ausgewählten literarischen und philosophischen Texten formuliert oder kritisiert und zum anderen, welche „eingreifenden“ Modelle von Literatur und Philosophie entworfen werden. An den exemplarischen Beispielen konnte gezeigt werden, wie sich vor dem jeweiligen Zeitgeschehen eine kritische Haltung oder moralische Positionierung zu gesellschaftlichen Entwicklungen durch die Produktion literarischer oder philosophischer Texte ausbilden konnte.

 

Erlangen, im September 2009

Alexandra Böhm, M.A. und Mark Schönleben, M.A.

Masterstudiengang "Ethik der Textkulturen"
Institut für Philosophie
Bismarckstr. 1
91054 Erlangen